Schlappentausch

Vor etwa 20 Jahren überredete mich Daniela ein paar dieser seltsamen, menorquinischen Schlappen zu kaufen. Ich misstraute der Konstruktion (wie kann der Schuh nur mit so einem einzelnen Riemen verlässlich am Fuß gehalten werden?), gab ihr aber eine Chance.

Zwei Paar Menorca-Schlappen, eins alt, eins neu
Zwei Generationen Schlappen

Aber sie funktionierte hervorragend (wenn der Riemen stabil hoch genug steht! ) und so sind die Menorca-Schlappen meine bevorzugten Sommerschuhe geworden.

Dementsprechend ist leider auch der Verschleiß. Alle paar Jahre ist die Sohle durch. Dann geht es mir wie Denis Diderot mit seinem Hausrock, dem er eine kleine Schrift widmete. Obwohl verschlissen und voller Tintenflecken an den Ärmeln war er so sehr Teil von ihm geworden, daß ein Ersatz nicht in Frage kam. Und er fand viele Gründe dafür.

Ganz so eng ist meine Beziehung zu den Schlappen nicht. Aber beim Übergang von Alt auf Neu fällt mir auf, wie perfekt sich Fuß und Schuh aufeinander eingestellt haben. Das ist nicht nur bequemer Sitz, den haben auch schon die neuen Schlappen, sondern eine unaufdringliche Selbstverständlichkeit von etwas, das beinahe Teil von mir selbst ist.

Aber wie es so ist, tempus fugit

Warum Lebenskunst ?

Warum sollte man sich überhaupt mit Lebenskunst und Selbstsorge auseinandersetzen? Einen Teil der Antwort findet sich in Epikurs „Brief an den Menoikus“:

Wer jung ist, soll nicht zögern, sich mit Philosophie zu beschäftigen, noch soll, wer schon ein Greis ist, in der Beschäftigung mit der Philosophie ermatten; denn niemand ist zu jung oder zu alt, für die Gesundheit seiner Seele zu sorgen.

Es geht also um die „Gesundheit der Seele“. Für Epikur war eine gesunde Seele untrennbar verbunden mit einem angstfreien Leben. Es gab damals wie heute vieles, was angst macht: Angst vor Armut, Krankheit, Tod, Göttern und Mitmenschen sind in der Moderne noch genauso vorhanden, wie in der Antike. Sie treten heute vielleicht in gewandelter Form auf, aber hinter dieser Oberfläche sind sie dieselben geblieben.
Nach Epikurs Ansicht reichte ein bescheidenes an der Vernunft orientiertes Leben aus, um glückselig zu werden. Auch wenn das von ihm zu knapp gedacht sein sollte, so hat ein gelingendes Leben in erster Linie mit Einstellungen und Haltungen zu tun, denn die Dinge werden so bleiben, wie sie sind. Wir haben selten die Kontrolle über sie (Regnet es?), Kontrolle haben wir aber in weit größerem Umfang über unsere Einstellungen zu den Dingen (Ärgere ich mich über den Regen?). Aber eine kluge und auch robuste Haltung zum Leben fällt nicht einfach vom Himmel, noch ist sie angeboren. Sie will erarbeitet werden, durchdacht und eingeübt sein.
Genau das ist Lebenskunst.

Kur in guter Laune

Bei Alain bin ich auf eine besondere Art der Kur gestoßen, eine Kur für gute Laune. In einem seiner Propos (kurze Artikel zu einem Thema) stellt er mit einem Augenzwinkern eine Anleitung für das Bewahren der guten Laune vor. Seine drei Protagonisten schildern sich gegenseitig ihre Fortschritte. So wie in einer Kur ein kalter Wasserguss, der im normalen Leben als höchst unangenehm erlebt würde, einfach als üblicher Bestandteil erlebt wird, so werden in der Kur für gute Laune die Miesmacher nicht als Ärgernis, sondern als Herausforderung betrachtet. Um sich nicht gleich zu überfordern, beginnt man mit kleineren Irritationen und arbeitet sich langsam zu den größeren Ärgernissen vor. Zum Schluss ist man so abgehärtet, daß man auch im normalen Leben seine gute Laune nicht verlieren wird.

Alains Idee, diese Arbeit an sich selbst als Kur zu verpacken, ist sicher etwas ungewöhnlich. Aber sie zeigt die Möglichkeit eines spielerischen Umgangs mit Menschen und Situationen. Statt mich über einen hartschädligen Beamten zu ärgern, stelle ich mir vor, dass er extra für mich diese alberne Vorstellung gibt, damit ich meine Ruhe und Gelassenheit an ihm üben kann. Es ist geradezu bewundernswert, wie viel Mühe er sich gibt.

Ich muss zugeben, dass es nicht einfach ist, sich auf so ein Spiel mit der eigenen Einstellung einzulassen. Aber wenn es gelingt, kann eine eigentlich unangenehme Situation als durchaus amüsant erlebt werden.
Bei dem Versuch eine Kur in guter Laune zu machen, können sie nichts verlieren. Schlimmstenfalls ärgern sie sich trotzdem, bestenfalls behalten sie ihre gut Laune.
Also los, die Kur kann jederzeit beginnen.