Schlagwort: Lebenskunst (Seite 1 von 2)

Ideen und Gewohnheiten

Im Ideentower fand ich drei simple Regeln um die eigene Kreativität lebendig zu erhalten. Sie sind weder neu, noch kompliziert, und lassen sich letztlich auf zwei Schwerpunkte eindampfen:

  1. Stelle ständig deine Gewohnheiten und Annahmen in Frage, sowohl theoretisch, wie auch praktisch. Und sei es auch nur, daß du einen neuen Weg zur Arbeit nimmst. Das hält di Sicht auf die Welt geschmeidig.
  2. Notiere dir deine Ideen. Immer. Sofort. Sonst verschwinden sie spurlos.

In Phasen gänzlicher Unkreativität fällt mir typischerweise nicht einmal ein, wie ich aus meinen Gewohnheiten herauskomme. Daher sollte man sich auch Gewohnheitsverletzende Maßnahmen notieren. Sind ja auch Ideen.
Wie gesagt, es ist trivial. Aber gerade dadurch läßt es sich gut in den Alltag integrieren.

Nach oben schauen

Von einem Besuch im Palast der Projekte brachte ich folgendes Experiment mit: nach oben schauen. Das Übungsgerät in der Ausstellung als Anregung nutzend habe ich es heute morgen einmal beim Brötchenholen in abgewandelter Form ausprobiert: den Blick immer oberhalb der Horizontlinie halten. Es ist ungewohnt. Statistisch – wird in der Ausstellung behauptet – laufen wir meist mit gesenktem Blick durch die Gegend. Der Erfinder des Übungsgerätes ging davon aus, das der Blick nach oben zu einer positiveren Lebenseinstellung führt.

Mir jedenfalls kam es nach kurzer Zeit so vor, als ob mein Blick seine eigene Schwere hätte, die ihn in Richtung Erde ziehen würde. Natürlich bildete ich mir das ein, ab die Gewohnheit doch die meiste Zeit nach unten zu blicken, zeigte Wirkung. Aber interessanter noch war der Effekt auf meine Gedankenwelt. Ich war wesentlich mehr mit Schauen beschäftigt. Während der Blick nach unten mangels Ablenkung (Pflastersteine sind nicht wirklich interessant) Raum zum Nachdenken, schlimmstenfalls zum Grübeln, läßt, fordert beim Blick nach oben die Welt meine Aufmerksamkeit. Ob das dann tatsächlich zu einer positiveren Einstellung führt, weiß ich noch nicht. Aber wenigstens nahm ich mehr von der Welt wahr.

Noch ein Wort zum Palast der Projekte. Für meinen Geschmack war er zu textlastig und zu wenig visuell. Wenn man nicht gerade in der Gegend ist, reicht der Besuch der Website völlig aus. Sie ist sehr ausführlich.

Achenbach

Sicher kommt Gerd Achenbach das Verdienst zu die erste philosophische Praxis gegründet zu haben und sicher enthalten seine Bücher gute Gedanken, Aber dennoch empfinde ich sein Werk sehr zwiespältig. Das liegt sicher zum Teil an seinem mäandrierenden Schreibstil. Aber erheblich mehr stört mich sein eigenwilliger Umgang mit dem einen oder anderen Philosophen. Stellvertretend sei seine beiläufige Diskreditierung Epikurs genannt. Er tut dies ausgerechnet mit einem Zitat aus Malte Hossenfelders hervorragenden Buch über Epikur. Dort schreibt Hossenfelder an einer Stelle, dass Epikurs Verhaltensregeln heutzutage jedem Spiesserverein als Satzung gelten können.
Epikur nur etwas für Spiesser?
Liest man das Zitat im Zusammenhang, so wird klar, dass lediglich die rein äusserliche Rezeption von Epikur und Stoa gemeint ist. Hossenfelder will im Gegenteil darauf hinaus, dass bei genauerer Betrachtung die Lehren eine beachtliche Sprengkraft haben.
Achenbach verschweigt dem Leser an dieser Stelle also nicht nur, dass Hossenfelder eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte, sondern auch, dass das Zitat in gleichem Mass auch die Stoa trifft, auf die wiederum Achenbach grosse Stücke hält.
Hmm…

Freiheit zu

Bei Wilhelm Schmid traf ich auf einen eigentlich ganz einfachen Gedanken: die Unterscheidung zwischen „Freiheit von“ und „Freiheit zu“. Üblicherweise wird der Begriff Freiheit als „Freiheit von“ verstanden. Freiheit von Zwängen, Einmischung, Vorschriften etc. Die Freiheit allein so aufzufassen läuft aber ins Leere, denn nachdem ich mich von allem befreit habe, ist da nichts mehr. Eine so ausgelegte Freiheit ist ein negativer Begriff.
Es ist daher notwendig ihn zu ergänzen um die „Freiheit zu“. Also die Chance dieses oder jenes zu tun. Erst mit dem Aufgreifen dieses Aspekts kann Freiheit gelingen.

Eine epikureeische Gratwanderung

Epikurs Haltung zu all dem, was über die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse hinausgeht, ist klar: Es trägt nicht zu unserem Glück bei; das Glücksmaximum ist bereits erreicht. Er käme aber auch nie auf die Idee uns zu verbieten beispielsweise sehr gut zu essen. Aber er rät zur Vorsicht: wenn wir uns an das gute Essen gewöhnen, so fehlt uns etwas, wenn wir es nicht mehr bekommen. Unlust ist die Folge.
Die Haltung zu allem, was über die Deckung der Grundbedürfnisse hinausgeht, sollte also immer mit Distanz verbunden sein, um es richtig geniessen zu können und um den Genuss nicht mit Ängsten zu vergällen.
So weit zur antiken Theorie. Nehmen wir an, dass ich etwas richtig gerne tue. Beispielsweise Philosophieren. Oder malen. Es sind keine Grundbedürfnisse, ich müßte also eine distanzierte Haltung annehmen. Aber wie soll diese ausgestaltet werden, ohne dass auf der einen Seite Abghängigkeit entsteht, aber auf der anderen Seite die Freude und Begeisterung erhalten bleiben?
Schwierig. Stoff zum Nachdenken.

Excerpte

Zu Marc Aurels Zeiten – also lange vor Erfindung von Fotokopierern und Zwischenablagen – war es eine übliche Technik sich aus (zu der damaligen Zeit extrem teuren) Büchern Teile abzuschreiben. Dass dabei nur die Teile kopiert wurden, die dem Schreiber wertvoll erschienen, versteht sich bei diesem doch etwas mühsamen Verfahren von selbst. Auf diese Weise konnte ein gebildeter Römer sich ein Sammlung von Textstellen schaffen, die sich in ihrer Verdichtung perfekt als Ausgangspunkt für eigene Gedanken eignete.
Diese Funktion als Katalysator macht eine Textsammlung auch heute noch zu einem interessanten Instrument der Lebenskunst.
Dabei ist es natürlich nicht mehr notwendig das Verfahren handschriftlich durchzuführen, denn die Technik macht das Kopieren zu einer mühelosen Tätigkeit. Zu mühelos. Denn allzu leicht kann so Qualität durch Quantität ersetzt werden.
Andererseits bleibt mit Hilfe moderner Technik – vorausgesetzt man beschränkt sich auf wichtige Excerpte – mehr Zeit zum Nachdenken. Und darum geht es ja eigentlich.

Zeit fürs Glück

Eine Beweisführung, die an Trivialität kaum zu überbieten ist: Je mehr Dinge man benötigt um glücklich zu sein, um so weniger glücklicher wird man sein. Denn sich in den Besitz dieser Dinge zu bringen ist ein Aufwand (Geld verdienen etc.), der Zeit kostet und nicht unmittelbar glücklich macht. Die „glücksfreie“ Zeit nimmt also zwangsläufig zu Ungunsten der potentiell glücklichen Zeit zu.
Diese Gleichung gilt sowohl für Habenichtse wie für Milliardäre.
Durch Verzicht wird zwar niemand zwangsläufig glücklicher, aber er hat wenigstens mehr Zeit dazu.

Maßstab

Ich bin bereits über 350.000 Stunden alt. Das sollte mir zu denken geben, wenn ich das nächste mal ungeduldig werde, weil ich auf etwas warten muß.
Bemerkenswert, wie ein Wechsel der Einheit die Perspektive ändert.

Schächtelchen

Vor Jahren las ich in der Spektrum der Wissenschaft von einem Gedankenexperiment, das sehr schön illustriert, warum uns in der Jugend die Welt vielfältiger und abwechslungsreicher vorkommt als im Alter. Es war sinngemäß wie folgt beschrieben:
Als Erstes stelle man eine große Anzahl kleiner Schächtelchen auf. Danach setze man sich auf einen Stuhl und beginne mit Kügelchen um sich zu werfen. Jedes der Schächtelchen symbolisiert nun eine mögliche Erfahrung und ein Treffer ist der Moment, in dem man diese Erfahung macht.
Es ist nun leicht nachzuvollziehen, dass man zu Beginn des Spiels häufig Schächtelchen zum ersten Mal trifft. Je länger das Spiel dauert, um so häufiger landet die zweite, dritte, x-te Kugel in einer Schachtel. Und um so seltener gelingt ein Erstreffer.
Es ist eine Binsenweisheit, dass uns Neues wesentlich stärker im Gedächtnis bleibt als seine Wiederholungen. Das erste Mal Sex ist beeindruckender als das 243te Mal.
Die Schlußfolgerung ist offensichtlich: Dadurch, das die Anzahl neuer Erfahrungen pro Zeiteinheit beständig sinkt, wird das Leben im gleichen Maß fader. Wer das nicht möchte, der hat nur eine Möglichkeit: Aufstehen und neue Schächtelchen aufstellen.
Aber Vorsicht: Erfahrung heißt nicht notwendig angenehme Erfahrung. Die Schächtelchen symbolisieren nur ganz neutral Erfahrungen und sagen nichts darüber, ob sie uns angenehm ist. Das gilt auch für die neu aufgestellten Schächtelchen.
Wer davor Angst, der sollte ruhig auf seinem Stuhl sitzen bleiben und gar nichts mehr tun.

Vor dem Einschlafen

Die Klassiker der Selbstsorge empfehlen abends vor dem Einschlafen den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen und sich zu fragen, was gut gelaufen ist und an welchen Stellen man nicht mit sich zufrieden war. Das Ganze ist nicht als selbstquälerischer innerer Gerichtsprozess gedacht, sondern sollte wie die Überprüfung des Kofferinhaltes vor einer Reise ablaufen. Das Ziel ist es aus den alltäglichen Kleinigkeiten seine Lehren zu ziehen und nachzuhalten, ob man sich an die bereits gezogenen Lehren gehalten hat. Und alles andere sollte erfreuen und die Nachtruhe angenehmer gestalten.
Dieser Ratschlag ist – jedenfalls für mich – gut zu befolgen und macht das Leben etwas bewusster. Der Gegenpol zu diesem Rat, nämlich morgens gleich den anbrechenden Tag zu planen, ist zwar sinnvoll, aber für mich als ausgesprochenen Morgenmuffel nicht wirklich umsetzbar.

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