Ich vermisse nichts

Hier ist die tiefste Nebensaison. Die Campingplätze sind geschlossen, einige Hotels ebenfalls und die Ferienwohnungen sind nur spärlich besetzt.

Das Wetter ist grau und Wolkenlücken selten, aber es regnet auch nicht.

Das Watt

Wir laufen den Strand entlang oder durch den Wald. Es sind nur wenige Menschen unterwegs.

Es ist ruhig.

Gelegentlich sitzen wir im Warmen – im Kliff oder im Leuchtfeuer – essen Kuchen und trinken Milchkaffee. Oder Backfisch und ein Bier.

Oder wie jetzt in unserem Vogelnest mit Blick auf die See, die langsam im Dunkel verschwindet.

Ich vermisse nichts

Kugelbake

Heute habe ich drei Dinge gelernt:

1. Duhnen und Döse sind – freundlich formuliert – nicht so mein Fall. Sahlenburg gefällt mir besser.

2. Die Kugelbake – das Wahrzeichen von Cuxhaven, das die Grenze zwischen Elbe und Nordsee markiert – heißt Kugelbake, weil ursprünglich ursprünglich zwei Kugel oben auf der Konstruktion trohnten. Inzwischen wurden sie durch kreisförmige Scheiben ersetzt. Und sie ist der nördlichste Punkt Niedersachsens.

Die Kugelbake

3. Einer dieser Pinguine im Zoo von Döse heißt auch Frida. Ich weiß aber nicht welcher.

Pinguine im Zoo von Döse

Übrigens: Frida ist heute genau ein halbes Jahr alt.

Seehospital Nordheimstiftung

In Sahlenburg wurde mit den Spenden von Marcus Nordheim und Mathilde Emden Anfang des letzten Jahrhunderts das erste Seehospital Deutschlands gebaut. Dort wurden Kinder, die in Hamburg unter elenden Bedingungen lebten, gegen Tuberkulose und Skrofulose behandelt. Das Nordseeklima war ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.

In den über einhundert Jahren seitdem hat das Hospital mehrfach seine medizinische Ausrichtung geändert und seit letztem Jahr ist es endgültig geschlossen.

So verwandelt sich die Anlage, vor allem der älteste noch erhaltene Teil, in einen lost places.

Das sieht gelegentlich sogar etwas gruselig aus.

Sahlenburg

Ohne Frida wären wir vermutlich nicht hier, aber da sie noch nicht gechippt ist, darf sie Deutschland nicht verlassen. Und alleine lassen wollten wir sie auch nicht. Also suchten wir etwas mit Sandstrand an der Nordsee. Da wir auf dem Festland bleiben wollten, bot sich das Cuxland an. Es wurde Sahlenburg, ein Vorort von Cuxhaven.

Die Anreise gestaltete sich dank Google etwas anstrengend: erst leitete das Navi uns um eine nicht existierende Autobahnsperrung herum, dann wollte es uns beharrlich auf den gesperrten Teil der Autobahn leiten. Darauf sind wir allerdings nicht mehr reingefallen.

Sahlenburg ist sicher nicht die Perle der Nordsee. Obwohl schon 1350 das erste Mal erwähnt, scheint es heute im Wesentlichen aus einem großen Campingplatz und zwei Hochhäusern zu bestehen (das ist natürlich übertrieben, aber der allererste Eindruck ist wirklich so). In einem der beiden Hochhäuser liegt im 11. Stockwerk unsere gemütliche Unterkunft mit Blick auf die nur 300 Meter entfernte Nordsee. Jedenfalls theoretisch, denn bei unserer Ankunft verschleierte Novembernebel jede Aussicht.

Also gingen wir einfach mal direkt zum Strand um nachzuschauen. Sie lag ruhig in feinster Novemberstimmung mit leiser Melancholie da.

Für Frida dagegen war es das große Abenteuer. Sand, Wasser, komische neue Dinge im Wasser und dann noch andere Hunde. Und sie durfte frei laufen. Womit sie gar nicht mehr aufhörte. Alles so aufregend.

Frida rennt durchs Bild

Am Ende unseres Spaziergangs gab es für uns Burger und Bier im Kliff, während es draußen dunkel wurde.

Und jetzt – am nächsten Morgen – zeigt sich, dass die Wahl unserer Unterkunft doch ganz klug war. So eine Aussicht ist schon was Feines.

Der Mittagsschlaf und ich

Der Mittagsschlaf ist eine Inbesitznahme der eigenen Zeit, die sich dem Controlling entzieht. Die Siesta ist emanzipatorisch.

Thierry Paquot – Die Kunst des Mittagsschlafs

Seit ich mich häufiger im Homeoffice aufhalte, wäre der Mittagsschlaf organisatorisch eigentlich gar kein Problem. Trotzdem findet er – wenn überhaupt – nur an Wochenenden oder Feiertagen statt. Was mich an einem erholsamen Einnicken hindert, ist die gedankliche Verstrickung in die Arbeit. Sie muss erst fortgeräumt werden, bevor das Dösen gelingen kann. Gefühlt könnte das aber so lange dauern, dass dann der Feierabend schon in Sicht wäre. Den Mittagsschlaf als Emanzipation gegen die Zumutung der werktäglichen Arbeit einzusetzen scheitert bei mir, leider.

Andererseits weist Paquot selbst darauf hin, dass besonders kluge/durchtriebene Arbeitgeber ja den Mittagsschlaf anordnen könnten, da bekanntlich ein Power-Nap die Effizienz des Arbeitenden steigert.

So gesehen ist mein Unvermögen zu einer werktäglichen Siesta und das Verlagern dieses angenehmen Zustandes auf freie Tage letztlich dann doch ein emanzipatorischer Akt.

Lyrik im Rombergpark

Mit Hund ist man bekanntlich häufig an der frischen Luft und ein besonders schöner Ort um an der frischen Luft zu sein ist der Rombergpark in Dortmund. Das Wetter war einladend und so sind wir nach dem Frühstück aufgebrochen.

Frida war begeistert; ganz viele neue, spannende Wege. Am liebsten hätte sie noch Eichhörnchen und Enten gejagt. Durfte sie nicht, aber der Rest war dann immer noch so aufregend für Frida, dass sie den Rückweg im Auto verschlief.

Auf dem Weg durch den herbstlichen Park trafen wir immer wieder auf Transparente, auf die Gedichte aufgedruckt waren. Es war klug ausgewählte Poesie, die vom Herbst erzählt und eine Beziehung zum Park aufbaute. Ich bin nicht sonderlich Lyrik-affin, aber diese Mischung aus Landschaft, Jahreszeit und Poesie mag ich sehr.

Die Wege im Park machen immer wieder überraschende Wendungen und eröffnen neue Ausblicke. Die Lyrik im Park hatte für mich den gleichen Effekt. Ein Beispiel: „es – immer wieder gelingt es“ ist von Eugen Gomringer, der als der Begründer der konkreten Poesie gilt. Konkrete Kunst kenne ich, konkrete Poesie nicht. Ich bin neugierig.

Dann gab es noch Kaffee und Kuchen – draussen! – im Café Orchidee und etwas Kunst von Bernd Moenikes, die wir sehr mögen.

Parkbesuche sind was Feines.

Formale und substanzielle Freiheit

In Anfänge von David Graeber und David Wengrow bin ich auf zwei Aspekte des Begriffs Freiheit gestoßen, die viel von nicht nur meinem Unbehagen an unserer Gesellschaftsordnung erklären.
Auf der einen Seite ist da die formale Freiheit, unser durch das Grundgesetz garantierte Inbegriff der Freiheit. So haben wir zum Beispiel die Freiheit jederzeit zu reisen wohin wir wollen.
Dem gegenüber fragt die substanzielle Freiheit danach, was sich tatsächlich umsetzen lässt. So erlaubte erst das 9-Euro-Ticket vielen Menschen wenigstens in benachbarte Städte oder mit etwas Geduld in andere Bundesländer zu reisen. Genau das ist das Problem: erst mit zunehmenden Reichtum habe ich auch die Möglichkeit, die formale Freiheit auszukosten. Ohne Geld bleibt die formale Freiheit bedeutungslos.
Genau das ist das Missverständnis bei der Freiheit in den westlichen Ländern: garantiert wird formale Freiheit, erwartet aber substantielle Freiheit. Die Enttäuschung und Frustration kann überall beobachtet werden.