Flugscham und Microplastik

Irgendwo las ich, dass in Schweden der Begriff der Flugscham aufgekommen ist. Scham in dem Sinn, dass ich etwas unanständiges tue, das gegen soziale Normen verstößt. Das sind aktuell vermutlich (noch) nicht die Normen einer Mehrheit, aber mir persönlich wichtig.

Ich schreibe diese Zeilen auf Formentera und bin vor einer Woche mit einem Flugzeug hierher gekommen. Flugscham empfinde ich daher gerade sehr deutlich.

Es Calo

Passend dazu kommt der moderne Ablasshandel in Form von z. B. Atmosfair Ich kompensieren meine 500kg CO2, indem ich z. B. effektivere Öfen in Lesotho mit einer Spende fördere. Atmosfair geht dabei sehr transparent und pragmatisch vor und unterstützt z. B. aus – wie ich finde – guten Gründen keine Wiederaufforstung. Aber trotz kompensierender Spende bleibt ein schlechtes Gewissen. Und die Frage: Können die paar Euro wirklich die Menge CO2 aufwiegen?

Vor Ort bin ich dann in San Francesc über dieses Plakat gestolpert:

Plakat

Erste Reaktion : Plastik an den Stränden hier? Kann doch gar nicht sein. Bis wir genauer hingeschaut haben. Und erst einmal ein paar wenige größere Plastikstücke aufgesammelt haben, dann kleinere und noch kleinere. Das war, denkt man sich, rührt etwas im Sand und findet noch mehr. Dann kann man gar nicht mehr so richtig aufhören und sammelt immer wieder kleine Plastikstücke auf. Sie nehmen kein Ende. Letztlich hat man ein paar Quadratmeter einigermaßen gründlich von Plastik befreit, aber es bleibt noch unendlich viel mehr übrig.

Trotzdem war diese Erfahrung nicht nur ernüchternd, denn sie war begleitet von einem schönen Moment, in dem ein Franzose uns beobachtete und spontan etwas mitgesammelt hat. Man kann also tatsächlich – mit etwas Glück – jemanden motivieren etwas zu tun, einfach, indem man es selber tut.

Aus dem gesammelten Plastik werden in diesem Fall Kunstobjekte, die Sol Courreges Boné fertigt.

Mondfinsternis, Mars und ISS

Das gestern Abend wirklich ein Jahrhundertereignis: der Mond verdunkelte sich, der Mars war so nah wie seit 15 Jahren nicht mehr und die ISS zog als hellster Punkt über das Firmament.

Wir waren kurzentschlossen zu einem abgeernteten Feld bei uns in der Nähe gefahren, von dem wir uns einen guten Blick und wenig störendes Licht erwarteten. Und so war es auch, aber auch viel voller als gedacht. Das Schauspiel hatte überraschend viele Menschen angelockt. Und wie wir so auf dem Feld standen und den fast unsichtbaren Mond am Himmel suchten, fühlte sich das an, wie Silvester im Sommer.

Wir rätselten einige Zeit, ob der helle Punkt unterhalb des Mondes das Positionslicht eines Windrades oder doch der Mars war, da entdeckte jemand die ISS. Sie kam aus nördlicher Richtung und zog schnell ihre Bahn in Richtung Süden. Und für eine kurze Zeit konnte man sie alle drei auf einen Blick sehen : den Blutmond, den rötlichen Mars und den gleißenden Lichtpunkt der ISS.

Das war wirklich etwas Besonderes. Als kleines Sahnehäubchen – die ISS war schon einige Minuten hinter dem Horizont verschwunden – leuchtete neben dem Mond dann auch noch für eine Sekunde eine Sternschnuppe auf.

Amokfahrt in Münster

Ein idyllisches Bild vom ersten sonnigen Frühlingstag in Münster. Eine halbe Stunde, bevor ich dieses Bild aufgenommen habe, ist kaum 150 Meter von hier ein psychisch kranker Mensch mit seinem Auto in die Gäste des Kiepenkerls gerast.

Als wir in der Gegend waren – glücklicherweise etwas später als ursprünglich gedacht, vielleicht 10 Minuten nach der Tat – war da zwar Polizei und Feuerwehr, aber insgesamt war alles recht ruhig und wir besuchten ein Schmuckgeschäft am Drubbel. Erst als wir das Geschäft verließen und plötzlich vor einer Straßensperre standen, wurde uns klar, dass da wohl mehr passiert war. Ein Passant sagte im Vorbeigehen, es wäre wohl ein Auto in eine Gruppe Menschen gefahren. Sehen könnte man durch die Krümmung der Straße nichts, was ich im Nachhinein überhaupt nicht bedaure.

Wir gingen dann hinter dem Dom in Richtung Überwasserkirche. Eigentlich wollten wir dort im Lazaretti ein Eis essen, aber direkt davor war begannen die Sperrzone. Deshalb beließen wir es bei einem Eis auf die Hand und gingen weiter in Richtung Rosenplatz am Antiquariat Solder vorbei (demnächst wird da wieder gederht). Dort schauten wir noch etwas in Läden, und setzen uns dann in eine Weinbar. Die Stimmung war etwas seltsam und so langsam kristallisierte sich heraus, dass da etwas Größeres geschehen war. Krankenwagen aus den Nachbarkreisen und der Katastrophenschutz parkten direkt gegenüber. Auch die ersten Meldungen tauchten in den Medien auf. So gegen fünf kam dann die Anweisung den Bereich zu räumen. Wir gingen also über den Domplatz vorbei an Einsatzfahrzeugen und einem maskierten SEK-Mann mit Maschinenpistole zurück in Richtung Hotel. Dabei wollten wir noch schnell in dem Schmuckladen vorbeischauen um etwas abzuholen. Aber zu spät. Inzwischen war er unerreichbar hinter der erweiterten Absperrung verschwunden.

Die Räumung der Innenstadt wurde weiter fortgesetzt und immer großflächiger. Auch mit ganz banalen Folgen: dadurch, dass die gesamte Gastronomie der Innenstadt ausfiel, wollten plötzlich alle Gäste im Hotel essen. Darauf war weder die Vorratskammer, noch die Mitarbeiter vorbereitet, denn normalerweise rechnen sie am Wochenende nur mit einer Handvoll Gästen. Sie taten ihr möglichstes, konnten aber irgendwann nicht mehr als Gulaschsuppe und einen münsteraner Teller mit Aufschnitt anbieten. Da das alles länger dauerte, machten wir Abendspaziergang. Als wir zurück kamen, lag das Hotel hinter der Absperrung. Einige schwer bewaffnete Polizisten kontrollierten uns freundlich und ließen uns durch.

Der Blick von der Hotelterrasse sah dann so aus:

Fazit: Die Menschen in Münster blieben die ganze Zeit über ruhig und sowohl Rettungskräfte, als auch die Polizei handelten so schnell und strukturiert, dass ein Gedanke an Panik völlig abwegig war.