Gelernt Juli 2021

Pröbeln

Deutsch ist meine Muttersprache. Daher fand ich es äußerst ungewöhnlich über ein Wort zu stolpern, von dem ich mir sicher war es noch nie gehört zu haben.

Ich fand es in Das kalte Herz von Werner Plumpe, ein dickes Buch über die Geschichte des Kapitalismus, das es für kleines Geld bei der Bundeszentrale für politische Bildung gibt.

Eine erste Definition fand ich in der elektronischen Version des Duden: allerlei [erfolglose] Versuche anstellen. Eine noch bessere Erklärung fand ich auf den Seiten von Zeiss. Dort wird erzählt, dass Carl Zeiss seine Innovationen mit „trial and error“ entwickelte, was damals noch pröbeln hieß.

Womit auch deutlich wird, dass ein Muttersprachler des Jahres 2021 andere Worte kennt, als einer des Jahres 1847.

Überwasser

Überwasser war vor über 100 Jahren eine Gemeinde im Nordwesten von Münster. Seltsamerweise gibt es im Nordosten von Münster eine weit verzweigte Landstraße mit dem gleichen Namen. Und in Münster die Überwasserkirche. Beide nicht dort, wo die Gemeinde mal war. Als ob sich der Name losgezogen wäre und sich woanders niedergelassen hätte.

Arbeit (zu viel)

Anfang Juli hatte ich mit deutlich zu viel Arbeit zu leben. Das ruiniert Kreativität und Wohlbefinden. Diese Erkenntnis war mir nicht wirklich neu, aber ist jetzt wieder viel lebendiger. Und der Grund dafür, dass dieser Post diesmal so knapp ausfällt.

Gelernt Juni 2021

Reetdächer

Reetdächer sind etwa 40 cm dick und folgen ihren eigenen Gestaltungsgrundsätzen. Daher haben sie auch selten Fenster im Dachstuhl. Das führt dann schnell dazu, dass es unter dem Dach im Sommer warm und miefig wird. Also Vorsicht, wenn die Betten bei einer Ferienwohnung unter Reet im ersten Stock liegen.

Scharfer Mauerpfeffer

Das ist ein scharfer Mauerpfeffer.

Scharfer Mauerpfeffer

Eine gelb-grün leuchtende Pionierpflanze, die sich in Ording an den Deich klammerte. Und in einem Fish & Chips-Laden in der Nähe den Tisch dekorierte.

Pendenzenliste

Als ich heute durch das Internet flanierte, stolperte ich über die Pendenzenliste. In meinem Kopf entstanden sofort Assoziationen zu Pennälern und Oberstudienräten um 1900. Tatsächlich ist eine Pedenz einfach eine unerledigte Sache. Damit ist die Pendenzenliste das, was der moderne Mensch eine To-Do-Liste nennt .

Ich höre mich schon sagen: „Diese Pedenz werde ich gerne auf meine Liste setzen.“ Und danach nehme ich dann meinen Monokel ab.

Gelernt Mai 2021

Vor 10 Jahren begann ich für drei Monate aktiv Ausschau nach Neuem, Überraschenden und gelegentlich Seltsamen zu halten. Die Idee war Offenheit und Neugier nicht einschlafen zu lassen. Das kleine Projekt entschlief, da es als tägliche Übung gedacht war, sich aber nicht jeden Tag etwas Interessantes finden ließ. Das trübte den Spaß, denn es sollte ja Vergnügen sein und keine Übung in Selbstdisziplin.

Der Neustart kommt daher sporadischer daher, dafür pünktlich am Monatsletzten um 23:59. Den Rahmen bilden weiter die Monate, der Inhalt wird von Lust und Laune geprägt, mal mehr, mal weniger. Die Zeit wird zeigen, wie gut das funktioniert..

Bei der Gelegenheit habe ich auch gleich den Namen der Rubrik geändert, aus Gelernt wird Horizont erweitern. Denn darum geht es ja.

Stentorstimme

Stentor war einer der Griechen, die Troja belagerten. Eines Tages nahm Hera seine Gestalt an und forderte die Griechen mit lauter Stimme zum Kampf auf.

Eine Stentorstimme ist also einfach nur eine laute Stimme.

Ich las die Tage von jemandem mit einer Stentorstimme in einem Blog und erinnerte mich, dass ich dieses Wort schon früher gelesen hatte (nie gehört, immer nur gelesen) und nie wusste, was es eigentlich bedeutet. Jetzt weiß ich es und da ich es aufgeschrieben habe, vergesse ich es wahrscheinlich auch nicht mehr.

Aaronstab

Das ist ein Aaronstab:

Aaronstab

Ich habe ihn tatsächlich schon mehrfach mit Flora Incognita bestimmt, aber da war die Blüte noch nicht geöffnet und ich habe ihn nicht erkannt. Da die Aaronstäbe wie jedes Jahr im Frühjahr recht plötzlich aus dem Boden schießen und überall im Kurpark auftauchten, wurde ich neugierig.

Wichtig: das ist eine Giftpflanze. Also nicht essen und besser auch nicht anfassen.

Rebeln

Bei einem Blick in das Kräuterregal fiel mir der gerebelte Majoran ins Auge. Was Majoran ist, weiß ich, aber rebeln?

Rebeln stammt ursprünglich aus dem Weinbau. Dabei werden die Trauben einer Rebe von den Stielen getrennt, damit später weniger Gerbstoffe im Wein sind. Inzwischen passiert das auch direkt an den Weinstöcken mit Hilfe passender Erntemaschinen (wie die wohl heißen? Rebler?). Das seltsam aussehende Resultat fiel uns vor zwei Jahren bei einer Wanderung in der Gegend um Marseillan auf: Grün beblätterte Weinstöcke, bei denen die Reben nur noch aus Stielen bestehen.

Zu den Gewürzen ist da der Weg nicht weit. Einfach die Blätter vom Stiel trennen, schon ist die Pflanze gerebelt.

Kadrierung

Ich las ein Interview mit Wim Wenders,, in dem er das Wort Kadrierung benutzte. Ich war mir sicher, dass ich dieses Wort noch nie gelesen hatte und forschte nach. Es ist ein Filmbegriff, der die Festlegung des Bildausschnitts bezeichnet. Es ist ein Import des französischen cadrage (Bildeinstellung). Was dann wieder etwas frei assoziiert zu Wim Wenders passt, der ursprünglich Maler werden wollte und so bereits früh über den richtigen Ausschnitt aus der Welt nachdachte, der auf das Bild soll. Und in Paris ließ er den angehenden Maler hinter sich und wurde zum Filmemacher.

Freilaufende Küken

Nach einer Woche haben wir die Küken wieder besucht. Inzwischen hatten sie das Nest verlassen und erforschten bereits die Umgebung. Aber immer in der Nähe der Glucke.

Als wir kamen, beäugte sie uns kritisch und verschwand dann mit der Kükenschar im Gebüsch. Damit wurde das Küken-gucken erst mal zu einem Hörspiel mit viel fröhlichen Gepiepse.

Gisela lockte die Glucke mit etwas Futter wieder ins Freie mit den Küken im Schlepptau. Jetzt konnte wir genauer sehen, wie energisch die Kleinen bereits in der Erde scharrten und picken übten. Denn picken können die Küken nicht von allein, das lernen sie von der Glucke und üben es immer wieder.

Zwischendurch glaubte die Glucke, dass Gefahr droht. Ein glucksender Laut von ihr und schon waren alle Küken still und bewegten sich kaum noch. Erst nach einiger Zeit begannen sie wieder mit dem Piepsen, Scharren und Picken.

Aber offensichtlich gefiel es ihnen besser im Gebüsch. Also verschwanden sie alle wieder dorthin und die Glucke hinterher.

Die Küken sind da

Am Donnerstag meldete sich Gisela: „Die Küken sind da“. Als wir nachschauen gingen, war davon erst einmal gar nichts zu sehen. Die Glucke saß da und beäugte uns kritisch. Von Küken keine Spur.

Aber nach kurzer Zeit bewegten sich ein paar Federn und für einen Moment guckte ein winziger Schnabel zwischen dem Gefieder hervor. Dann schien sich unter ihrem Bauch herumzusprechen, dass da draußen was los ist und die Neugier siegte. Erst ließen sich zwei blicken, dann drei und schließlich entstand ein fröhliches Gewusel.

Da wurde hin und her gelaufen, schon mal testweise gepickt oder am Stroh gezogen. Insgesamt waren sieben Küken geschlüpft, aber wir bekamen sie nie alle gleichzeitig zu Gesicht. Denn immer wieder gingen die Küken unter der Glucke in Deckung. Was ich ziemlich phänomenal finde, denn sich unter die im Vergleich riesige Glucke zwischen Eier und andere Küken zu quetschen ist schon eine echte  Leistung. Nur noch übertroffen von dem Kunststück sich mit seinem Schnabel im Dunkeln unter einer Glucke aus einem Ei zu befreien.

Ein von innen geöffnetes Ei

Vermutlich ist mein Bild von Küken ganz stark von Reklame geprägt, denn ich stellte sie mir alle als kleine, gelbe Flauschbällchen vor. Aber die Natur ist deutlich abwechslungsreicher. Die Fotos zeigen es: neben den Klischee-gelben Flauschbällchen sind auch braun und schwarz beliebte Kükenfarben. Und wer sich nicht entscheiden kann, der nimmt gefleckt.

Hühner sind schon ganz schön vielfältig.

Ein brütendes Huhn

Mein Artikel über die freilaufenden Eier führte zu einer kleinen Überraschung: unsere Nachbarin Gisela, der die Hühner gehören, rief uns an und fragte, ob wir mal ein Huhn beim Brüten sehen wollen. Brütende Hühner wären nämlich gar nicht so häufig. Wir nahmen die Einladung gerne an und haben einiges über Hühner gelernt.

Wenn man darüber nachdenkt, dann ist es eigentlich naheliegend, dass es kaum noch brütende Hühner gibt: wenn sie brüten, legen sie ja keine Eier mehr. Also hat man versucht den Hühnern für die industrielle Eierproduktion das Brüten wegzuzüchten und die Eier in Automaten ausbrüten zu lassen. Da werden sie mit Infrarotlampen gewärmt und automatisch gewendet, bis sie irgendwann schlüpfen. Keine so schöne Vorstellung.

Aber so leicht machen die Hühner es den Züchtern nicht. Wenn Hennen Eier sehen, dann setzen sich gerne trotzdem mal auf das Gelege (vor allem wohl dann, wenn schon eine andere Henne da sitzt). Und ab und zu bleibt eine Henne sitzen und fängt wirklich an zu brüten.

Damit der restliche Hühnerhof nicht stört (siehe oben), hat die Glucke für ein paar Tage sogar ein Einzelappartement. Glucke heißt sie übrigens, weil sie beim Brüten gluckende Geräusche macht. Ich glaube, dass ich dieses nette Geräusch noch nie gehört habe. Man hat ja auch nur selten Gelegenheit dazu.

Während wir uns die Glucke ansahen, kamen auch schon ein paar Hühner angelaufen. Die Erste war sie hier.

Ein ganz schön neugieriger Haufen …

Das ist Hugo, der Hahn. Wer jetzt glaubt, dass er der Vater der Brut sei, irrt. Viele der Hühner sind seine Schwestern. Deswegen werden gerade fremde Eier ausgebrütet. Da Hühner am liebsten ihre Eier dort legen, wo schon andere Eier liegen, sitzen die Glucken sowieso schon immer auf ein paar fremden Eiern. Ihnen ist es egal, Hauptsache sie können in Ruhe brüten.

Flora incognita und Holunderblütensirup

Es ist selten, dass eine App mich begeistert, aber Flora incognita muss ich über den grünen Klee loben. Aus der Zusammenarbeit des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie und der TU Ilmenau ist vor etwa zwei Jahren etwas ungemein Praktisches entstanden: eine App, die oft mit nur einem einzigen Foto bestimmt, welche Pflanze man gerade vor der Linse hat.

Ich kann zwar eine Eiche von einer Birke und eine Butterblume von einer Sonnenblume unterscheiden, aber ein paar Pflanzen weiter endete bisher mein Horizont. So etwas wie die Knoblauchrauke oder den Wiesen-Kerbel habe ich bisher nicht bewusst wahrgenommen, obwohl sie hier überall am Straßenrand wuchern.

Flora incognita bestimmt nicht nur die Pflanzen, sondern hält noch jede Menge Hintergrundinformationen bereit, etwa ob die jeweilige Pflanze giftig ist oder vielleicht sogar lecker. Wer sich registriert tut bei seinen Pflanzenbestimmungen auch was für die Forschung, denn aus den Daten lassen sich allerlei Erkenntnisse unter anderem über Verbreitung von Pflanzen ableiten.

Ein schlichtes Beispiel für eine Pflanzenerkennung zeigt das folgende Foto. Wir waren neugierig geworden, als wir am Wegesrand zwei Menschen sahen, die Blüten von einem Strauch abknipsten.

Wir hätten eigentlich selber darauf kommen können, dass es sich um Holunder handelt, aber die zusätzlichen Informationen über die Verwendung von Holunder brachten uns auf die Idee Holunderblütensirup herzustellen.

Das schnell ergoogelte Rezept war gut beschrieben und illustriert. Und das Ergebnis (hier nur eine Teilmenge) lässt sich sehen und ist vor allem sehr lecker.

Brocéliande

Vor zwei Jahren habe ich mich mal bemüht jeden Tag eine Kleinigkeit neu zu lernen. Wie das mit vielen Dingen so ist … letztlich versandete es. Aber seit ein paar Tagen lese ich in einem Buch, das mich dazu bringt Begriffe, die ich nie bewusst gehört habe nachzuschlagen. Der erste davon war Brocéliande, der Name eines sagenhaften Waldes in der Bretagne, der mit Merlin, Lancelot und Morgane zu tun hat.