Von Luz nach Sagres

Die Algarve kann auch Wolken. Nach knapp zwei Wochen blauem Himmel bewölkte sich gestern das Wetter. Ein guter Grund für uns etwas die Küste zu entdecken.

Erste Station war das Nachbardörfchen Burgau. Die Flut hatte den Strand fast völlig verschluckt und die Wellen leckten gelegentlich die Rampe ins Meer so weit hoch, dass ich meine Füße in Sicherheit bringen musste. Ansonsten herrschte tiefe, nebensaisonale Ruhe.

Ein paar Meter weiter hielten wir spontan am Praia das Cabanas Velhas. Ein paar Menschen machten Picknick, draußen in den Wellen paddelten zwei Surfer und regelmäßig kamen Leute, um mal zu gucken.

Praia das Cabanas Velhas

Weiter ging es nach Salema. Wir waren fest davon überzeugt, dass wir bei einer früheren Reise schon mal dort gewesen sind. Waren wir definitiv nicht. Jetzt rätseln wir, welcher Ort da in unserer Erinnerung herum spukt.

In Salema gibt es tatsächlich noch ein paar Berufsfischer. Und jede Menge Katzen.

Von Sagres, der vorletzten Station, gibt es hier keine Bilder. Mit seinen breiten Straßen, der lockeren Bebauung und den vielen Parkplätzen kam es mir wie ein Ort für Autofahrer vor. Finde ich eher unattraktiv. Aber wir haben lecker gegessen und ein Sagres (Bier) in Sagres (Ort) getrunken.

Zum Abschluss dann das Cabo de São Vincente, die südwestlichste Ecke des europäischen Festlands. Gekrönt wird es von dem hellsten Leuchtturm Europas. Pünktlich zum Sonnenuntergang (für uns unsichtbar, zu viele Wolken) erszrahlte er und die beiden riesigen Fresnsellinsen begannen langsam zu rotieren.

Nachtrag 3.12.2021

Das Rätsel hat sich nach einem Blick in unsere umfangreiche Fotosammlung gelöst : wir haben in der Erinnerung den Strand von Luz und eine Straße in Burgau zu einem Ort verschmolzen. In Burgau hatten wir lustigerweise so eine Ahnung, dass wir hier schon mal waren. Luz war völlig aus unserer Erinnerung verschwunden.

Solidarität

Es ist nicht Liebe zu meinem Nachbarn – den ich vielfach gar nicht kenne -, was mich treibt, den Wassereimer zu ergreifen und nach seinem brennenden Hause zu eilen; was mich treibt, ist ein viel weiteres, wenn auch unklares Gefühl, es ist ein menschlicher Solidaritäts- und Sozialtrieb.

Pjotr Kropotkin

Dieses Zitat aus der Einleitung zu Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt bringt das Prinzip der Solidarität auf den Punkt. Es beruht darauf, dass jeder etwas für die Gesellschaft tut. Nicht aus Liebe zu seinem Nächsten (wie Rousseau es herbei fantasierte) , sondern aus einem ganz praktischen Kosten-Nutzen-Kalkül heraus. Die Leistungen für die Gemeinschaft kosten mich im Normalfall nur wenig, aber ich bekomme ein ungleich besseres Leben dafür, als wenn der Kampf von jedem gegen jeden herrschen würde.

Kropotkin untersuchte bereits vor 120 Jahren dieses Prinzip, angefangen bei den Ameisen bis hin zum Menschen und zeigte dabei, wie gut es funktioniert. Eine interessante Lektüre, die auch Auswirkungen auf die moderne Interpretation von Darwins Werk hat.

Gerade beim Menschen geht das aber nicht ohne Widerspruch. Wir sind nun mal komplizierter als Tiere und so gibt es immer wieder Einzelne, die das System unterlaufen wollen. Darauf müssten Gemeinschaften schon immer reagieren. Im schlimmsten Fall führte das zur härtesten Strafe, der Verbannung

Das System funktioniert am Besten wenn sich alle daran halten. Je mehr Egozentriker auftreten, die nicht bereit sind ihren Beitrag zu leisten, umso so geringer ist der Nutzen. Zu Ende gedacht landet man so bei dem Kampf von jedem gegen jeden (der Leviathan lässt grüßen) Es ist also überlebenswichtig das System am Laufen zu halten.

Sprung zur aktuellen Situation. Impfverweiger füllen die Intensivstation in einem Ausmass, dass für die restliche Versorgung nicht genug Kapazitäten verbleiben. Sie verhalten sich wie der Nachbar, der seine Freiheit auslebt, indem er nicht zum Löschen kommt.

Für mich ist das der Punkt, ab dem die Gemeinschaft Druck auf die Egozentriker ausüben muss. Verbannen geht nicht.
Bleibt die Impfpflicht

Lagos

Es ist erstaunliche 19 Jahre her, dass wir das erste Mal in Lagos gewesen sind, 2006 dann wieder und auch diesmal haben wir es bereits zwei Mal besucht. Es hat eine hübsche Altstadt und man kann lecker essen. Zwei gute Gründe die Stadt zu besuchen.

1434 öffnete Gil Eanes von hier aus für die mittelalterlichen Europäer neue Horizonte, indem er im Auftrag von Heinrich dem Seefahrer über das Ende der bekannten Welt hinaussegelte. Eigentlich sollten dort die Menschen von der Sonne schwarz verbrannt sein und das Wasser kochen. Ganz so war es dann doch nicht. Eine Zeit der Entdeckungen begann. Aber auch der Eroberungen. Und leider auch des Sklavenhandels, wofür Lagos ebenfalls mal berühmt war. Bis 1755 blieb es das Zentrum der Algarve, dann kam das große Erdbeben und mit ihm eine 11 Meter hohe Flutwelle, die die Stadt zu großen Teilen zerstörte. Sie wurde zwar wieder aufgebaut, aber seit dieser Zeit hat Faro die Rolle des Zentrums übernommen.

Der Tag fing heute am Praia de Dona Ana an. Die Hotels und Appartementanlagen hier am südlichen Rand von Lagos waren nebensaisonal ruhig. So fanden wir ohne Schwierigkeiten einen Parkplatz und während der kleine Strand sich langsam füllte nahm ich mir endlich mal wieder die Zeit für eine Skizze.

Das Foto von der Skizze entstand zwei Stunden später in Lagos, während wir auf das Essen warteten (ich erwähnte es ja schon: man kann dort lecker essen)

Der Tag verging überraschend schnell und so ging schon fast die Sonne unter, als wir am Ponta da Piedade ankamen. Ein niedlicher Leuchtturm, beeindruckende Felsformationen und immer mehr goldenes Licht summierten sich zu einem schönen Tagesausklang.

Unten und oben

Auf dieser Reise ist einiges anders: sonst starten wir, kaum sind wir angekommen, schon die ersten Entdeckungstouren. Diesmal sind wir eher wie kleine Kinder unterwegs, die langsam den Radius ihrer Entdeckungen vergrößern.

Montag erkundeten wir bei Ebbe (wichtig) am Strand entlang den Weg zum Rocha Negra, eine schwarze Felsformation vulkanischen Ursprungs. Der recht kurze Weg geht über Sand, durch Wasser und über (mäßig glitschige) Felsen. Macht Spaß. Auf der linken Seite geht es 100 Meter nach oben einmal quer durch ein paar Millionen Jahre Erdgeschichte. Angesichts der Zeiträume, die da so sichtbar in Gesteinsschichten gepresst sind, fragte ich mich, wie viele Millimeter da unsere 5000 Jahre Zivilisation ausmachen würde. Vielleicht 5mm von den 100 Metern? Ich weiß es nicht, aber auf alle Fälle ein guter Zeitpunkt die eigenen Maßstäbe mal wieder zu kalibrieren.

Heute haben wir dann unseren Radius erweitert… oder besser erhöht: wir sind hochgelaufen zum Marco Geodésico da Atalaia und haben uns von dort die Gegend von oben angeschaut.

Marco Geodésico da Atalaia

Wer im ersten Post zu dieser Reise genau hinschaut, kann diese Landmarke als winzige Nadel entdecken. Von dort oben sieht einiges ziemlich anders aus als unten von unserem Balkon . Der Strand ist kein schmaler Streifen mehr, sondern ein Dreieck. Auf halber Höhe ist nicht nur ein schmaler Absatz, sondern eine große Ebene. Und wenn man oben etwa bis auf die Höhe des Rocha Negra gegangen ist, sieht man nicht nur wie unten schwarze Lava, sondern in der Ferne Lagos.

Die Perspektiven sind sehr unterschiedlich, aber interessant sind sie beide.

Zum Abschluss – wieder auf Meeresniveau – gönnten wir uns ein kleines Bier.

Und danach noch ein großes…