
Das mit dem Prinzip Hoffnung hat funktioniert
Eine Reise an das Mittelmeer durch Frankreich und Katalonien

Das mit dem Prinzip Hoffnung hat funktioniert
Wir sind heute in Platja d’Aro angekommen.
Der Wetterbericht spricht ab Morgen von Sonne.
Wir hatten es vorbereitet und schon in Deutschland ein paar Ausstechformen eingepackt. Aber ich hatte ernsthafte Zweifel daran, daß wir Plätzchen backen würden.
Heute Mittag sah der Übergang zum Strand so aus:

Offensichtlich waren über Nacht Wellen bis zu Straße geschwappt. Das schlechte Wetter klebt an uns wie ein Kaugummi am Schuh (von kurzen Ausnahmen abgesehen)
Also haben wir heute Plätzchen gebacken. Die Mengen für Mehl und Zucker nicht abgewogen, sondern geschätzt. Und einen Teil – Daniela hatte die Idee – weihnachtlich gewürzt. Mit den Händen geknetet und „ausgerollt“. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Die Plätzchen sind sehr gut gelungen. Trotzdem wäre ein Ende des Regens so langsam mal nett.
Heute Morgen poppte auf unseren Handys eine Cell Broadcast Warnung auf, die auf hohe Wellen hinwies. Ein paar Stunden später machten wir einen Spaziergang und kaum standen wir auf einem Überweg an der Grenze zwischen Dünen und Strand leckte eine Welle bis dorthin. Daniela bekam nasse Füße und Frida machte einen schnellen Entfesselungstrick und befreite sich aus ihrem Geschirr. Danach wetzte sie nach Hause. Sie schaute sich zwar ein paar Mal um, mochte aber nicht zu uns kommen, denn irgendwo hinter uns rumorte ja das große, nasse Dings. Vor der Tür unserer Appartementanlage freute sie sich dann einen Ast ab, als wir auch endlich ankamen.
Wir ließen uns von dem kleinen Abenteuer selbstverständlich nicht abschrecken und starten mit trockenen Schuhen und Geschirr einen zweiten Anlauf.


In Meeresnähe passten wir auf, hielten etwas Abstand vom Strand und wurden mit trockenen Füßen belohnt.
Nein, keine Gala als Festveranstaltung, sondern Gala Éluard Dalí. Wir hatten uns ja aus Frankreich die Anregung mitgenommen das Castillo Gala Dalí zu besuchen.
Auf ihre alten Tage ließ sie sich ein 1000 Jahre altes Kastell renovieren und zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Natürlich würde es auch von Dalí mitgestaltet, aber sie legte Wert darauf, daß es ihr Schloss ist und er sich dort nur nach ihren Vorgaben austoben durfte.
Im Unterschied zu Portlligat ist das Castillo geräumig (und besser geheizt), wir konnten also Galas Gemächer erkunden, ohne dass uns ein Guide im Nacken saß.






Sie hatte genau wie Dalí ein Faible für Selbstinszenierung. Betritt man ihr Zuhause, da steht man nicht in einem Flur, sondern in einem Thronsaal. Ein Thron für sie, dazu ein Altar, sie selbst als Wächterin über alles und die Decke schmückt ein surrealistisches Gemälde. Eine Mischung aus Surrealismus und Mittelalter. Dazu noch klassische Musik im Hintergrund, quasi der Soundtrack des Castillos.
Das alles fühlt sich an, als ob man im Theater ist und Gala gleich ihren großen Auftritt hat.

Der Ausblick vom Castillo geht direkt auf die schneebedeckten Pyrenäen. Nicht die schlechteste Aussicht.
Wir sind umgezogen in einen Küstenort, der so klein ist, dass er nicht mal in der Wikipedia zu finden ist. Hier gibt es keine Läden und jetzt im Winter auch kaum Menschen. Das ist genau das, was wir gerade haben wollen.
Und dann kam auch noch die Sonne raus.

Wir ließen Frida frei. Sie findet Dünen noch spannender als Strände. Und verschwand minutenlang. Fanden wir nicht so toll. Aber wie es der Zufall so will, haben wir eine Schleppleine dabei; die nächsten Strandausflüge werden für sie nicht ganz so ausschweifend.
Zurück im Appartement gab es dann erst einmal eine Stärkung für uns. Und für Frida – wie in jeder neuer Unterkunft – ein besonderes Leckerchen.

Morgen werden wir hier abreisen und ich habe noch nichts über unseren Aufenthaltsort, Empuriabrava, geschrieben. Um es mal auf eine knappe Formulierung zu bringen: die hässliche Schwester von Port Grimaud.
Beide Marinas wurde in den sechziger Jahren entworfen und so konzipiert, dass jedes Haus seinen eigenen Anlegeplatz hat. In Port Grimaud sind es kleine Reihenhäuser, die individuell gestaltet sind. Autos sind weitestgehend verbannt und für Fußgänger öffnet sich immer wieder ein schöner Blick auf die Kanäle. Das ist sowohl für Bewohner, wie auch für Besucher nett.
Empuriabrava dagegen ist weit größer dimensioniert. Hier sind es Villen mit Pool, die an den Kanälen liegen und den Blick auf das Wasser meist versperren. Das ist kommerziell offensichtlich erfolgreicher, weswegen Empuriabrava eine der oder die größte Marina Europas ist. Und drumherum sammelt sich viel praktische Hässlichkeit.
Bezeichnend dafür fand ich den Markt, über den wir am Sonntag auf der Strandpromenade gestolpert sind. Über einen Kilometer drängte sich ein Stand mit Billigstkopien von Chanel, YSL etc.
Anspruch, ohne ihn einzulösen.

Daher auch kein Bild vom Ort, sondern von Strand und Meer.
Wer sich in der Kunst des 20. Jahrhunderts etwas auskennt, der wird es wissen: in Portlligat lebte und arbeitete Dalí. Als wir vor 12 Jahren in der Gegend waren, kamen wir an seinem Haus vorbei, hatten aber keine Eintrittskarten. Diesmal waren wir besser vorbereitet und so gehörten wir zur ersten Besuchergruppe des Tages, die durch das Haus geführt wurde. Oder gescheucht, ich bin mir nicht ganz sicher. Das passiert im Rhythmus von 10 Minuten und ist für jeweils acht Personen. Im unserem Fall vier Menschen aus Frankreich, zwei Japanerinnen, von denen eine in Hamburg gelebt hat und wir zwei (Frida döste im Auto). Eine resolute Spanierin erläuterte auf Französisch und Englisch die Räume und achtete auf die Einhaltung aller Regeln. Das war unterhaltsam.



1930 kaufte sich Dalí in dem winzigen Portlligat eine Fischerhütte, ließ sie etwas umbauen und lebte dort zeitweise. Eher rustikal, denn Strom und Wasseranschluss gab es damals noch nicht. Im Laufe der Jahre kaufte er auch die anderen Fischerhütten und ließ Stück für Stück alles nach seinen Vorstellungen umbauen. Strom und Wasseranschluss hatte er dann auch irgendwann.
Der Eingang in das Gebäude ist immer noch in der Fischerhütte, die er als erste gekauft hat. Heute wird man dort von einem Eisbären begrüßt.



Durch die Führung erfuhren wir, dass Portlligat nahe am östlichen Punkt Spaniens liegt, dem Cap de Creus. Und da Dalí morgens als erster Spanier von der aufgehenden Sonne begrüßt werden wollte, ließ er einen Spiegel einbauen, der diese ersten Strahlen der Sonne auf spanischen Boden direkt auf sein Bett lenkten.
Er hatte auch sehr praktische Ideen: damit er im Sitzen malen konnte, gibt es im Atelier eine Mechanik, mit der auch riesige Bilder in alle Richtungen verschoben werden konnten. Durch einen Spalt im Fußboden sogar richtig weit nach unten.


Dalí hat für mich immer etwas zwiespältiges an sich: Künstler mit beeindruckendener Fantasie, aber auch eitler Selbstdarsteller und Opportunist. Eine Person mit vielen Facetten. Da ist es sehr interessant zu sehen, wie er gelebt hat. Und wirklich alles in seiner Umgebung gestaltet hat. Nichts einfach so hingenommen hat, wie normalerweise ist, sondern immer etwas anderes, besonderes daraus gemacht hat.

Natürlich schauten wir uns auch diesmal in Cadaques um. Das Foto zeigt, daß wir wettertechnisch herausgefordert waren (als wir das Haus von Dalí betraten, hörte es auf zu regnen. Erst morgen fängt es wieder an.).
Die Fahrt nach Cadaques geht heutzutage recht schnell, aber über gefühlt unendlich viele Serpentinen. Ich frage mich, was das früher für eine Weltreise war, als Dalí aus seinem Heimatort Figueres nach Portlligat fuhr.
Und vielleicht gibt es bald noch mehr Dali.
Vor drei Jahren schrieb ich den Post Serignan kann auch Graffiti, nachdem wir viele tolle Wandbilder in Sète gesehen hatten.
Als wir heute nach dem Markt einen Abstecher zum Orb, der durch Serignan fließt, machten, entdeckten wir noch weitere:



Die meisten Graffiti sind schon einige Jahre alt, aber alle noch unbeschädigt. Die Menschen hier scheinen fantasievoll verzierte Mauern zu mögen und zu respektieren.
Was übrigens in Kontrast dazu steht, wie die Leute in der Gegend mit den Hinterlassenschaften ihrer Hunde umgehen. Denn das ist nicht ganz so höflich; diese Schild weist passend darauf hin.

Von Frida wird man hier nichts finden.
In der Nacht wurde gefühlt der Strand vom Meer umgestaltet. Die Wellen liefen weit über den Sand und ließen kleine Seen zurück. Einer der Seen verhalf den schon mehrfach fotografierten Palmen zu nassen Füßen.

In der Ferne verschwand die Silhouette von Valras-Plage in der Gischt und direkt neben uns donnerte die Brandung gegen die aufgeschütteten Felsbrocken. Frida war beeindruckt und bellte das Meer an.
Das Meer war nicht beeindruckt. Frida wollte daraufhin möglichst schnell zurück zur sicheren Strandpromenade. Das war ihr unheimlich.
Nur am Strand lang zu laufen schien uns als Tagesprogramm etwas mager, also machten wir noch einen Abstecher nach Pezenas. Wir waren dort nicht zum ersten Mal (allerdings zum ersten Mal im Regen) und freuten uns auf einen Besuch bei Taupinette et Cie; handgemachte Keramik, von der wir auch schon was zu Hause haben. Auch diesmal nahmen wir etwas mit, bekamen aber auch einige sehr interessante Empfehlungen für den weiteren Verlauf unserer Reise. Übrigens auf Deutsch, was die Kommunikation dann doch vereinfacht.

Da wir ein paar Meter weiter noch Törtchen mit dem vielversprechenden Namen Elixir fanden, gab es dann zurück in unserer Unterkunft Milchkaffee aus schönen neuen nachtblauen Tassen und dazu je eine kleine süße Versuchung.

Mein Törtchen hatte zwar einen kleinen Transportschaden, aber den Geschmack hat es in keinster Weise gemindert.
Hier zieht gerade Gebiet mit schlechtem Wetter durch. Regen und angeblich mäßiger Wind. Das mit dem mäßig ist Ansichtssache, der Wind verrückt Stühle auf dem Balkon.

Ich verstehe jetzt, warum der Strand von aufgeschütteten Felsbrocken geschützt wird. Und obwohl das wie ein klassischer Sturm über der Nordsee aussieht, ist es doch ganz anders, denn es herrschen frühlingshafte 14 Grad. Es ist mild.

Trotzdem ließ mich die abendliche Gassirunde an „bei dem Wetter jagt man doch kein Hund vor die Tür“ denken.
Frida fand es dann am Strand zwar klasse, wollte danach aber auch schnurstracks nach Hause.
Auf Reisen ist es gelegentlich so, dass der Körper schneller unterwegs ist als der Geist. Gestern kamen unsere Körper in Valras-Plage an und heute der Geist. Wir sind wieder vollständig.




Beim Ankommen hilft es natürlich, wenn die Sonne scheint. Dazu ein langer Strandspaziergang und ein Glas Wein auf dem Balkon. Im T-Shirt im Winter!
Das Wetter wird in den nächsten Tagen wechseln, die Zirren kündigen es an.
Wir genießen erstmal das Heute und ich glaube, dass wir mit dem vorausgesagten Regen auch gut klar kommen werden. Denn schließlich sind wir angekommen.