Morgen endet unsere Reise nach Frankreich und sie lässt sich rückblickend in zwei klar getrennte Abschnitte teilen.
Zuerst war da der Sommer in Calais. T-Shirt, kurze Hose, Schlappen und Temperaturen bis 30 Grad.
Dann kam in Camiers/Sainte Cécile der Herbst und wir wechselten zur Regenjacke und festen Schuhen. Aber trotzdem kam immer wieder mal die Sonne heraus und es blieb einige Zeit trocken. So wie gestern Abend mit einem großartigen Sonnenuntergang.
Großartige Sonnenuntergänge brauchen ein paar Wolken, denn sonst verschwindet die Sonne einfach nur ohne viel Aufhebens hinterm Horizont.
Heute dann ganz viel Ruhe, denn es regnet fast dauernd. Das ist nicht schlimm, denn wir haben genug gesehen und erlebt auf dieser Reise.
Findet Frida auch, die noch einmal alle Eindrücke in sich aufgesogen hat und sich heute von der Fülle erholt.
Boulogne-sur-Mer ist nach Calais die zweite größere Stadt, die wir uns auf dieser Reise anschauen wollten. Wobei groß dabei relativ ist, denn obwohl unser Heimatstädtchen Unna mehr Einwohner hat, fühlt sich Boulogne-sur-Mer deutlich größer an. Calais auch, aber das ist ja wirklich größer.
Wir parkten in der Nähe der Fischbuden am Hafen. Wir waren früh da und es hatten sogar einige Buden auf. Statt Fisch zu kaufen (hätten wir ihn im Auto zwischengelagert, hätten wir diesen Ausflug noch tagelang in der Nase gehabt) sind wir zur Festung, der Ville fortifiée hochgelaufen. Für eine Hafenstadt ging es erstaunlich weit nach oben und dort angekommen hatte ich nicht mehr das Gefühl am Meer zu sein. Es hätte auch 100 Kilometer weit im Landesinneren sein können.
Diese äußerst geschützte Lage dürfte der Grund sein, dass hier bereits die Römer einen großen Hafen unterhielten, der den Kontinent mit Britannien verband.
Boulogne-sur-Mer gilt im Vergleich zu Calais als hübscher. Ich kann das nachvollziehen, aber es ist ein wenig wie der sprichwörtliche Vergleich von Äpfeln und Birnen. Die beiden Städte sind einfach sehr unterschiedlich.
Kleine Besonderheit am Rande: der Jardin éphémère vor der Mairie in der Ville fortifiée, der Streetart und Landart zusammenführt.
LandartStreetart
Davon gibt es hier noch mehr; leider konnten wir sie uns nicht anschauen, denn das Wetter spielte wie gestern bei der Programmgestaltung seine besondere Rolle: ankommen im Regen, dann Sonnenschein, ein paar Tropfen Regen, Sonne und wieder Regen. Der versprach ergiebig zu werden, also fuhren wir heim.
Der Regen hielt Wort. Wir hatten die richtige Entscheidung getroffen.
Le Touquet-Paris-Plage hat eine mondäne Vergangenheit, die bis heute spürbar ist. In der Belle Époque wurde hier in die Dünen für die reichen Pariser eine Ferienkolonie mit allem Drum und Dran aus dem Boden gestampft. Paris-Plage war der werbewirksame Name dafür. Auch reiche Briten verbrachten hier gerne ihre Ferien, war ja gar nicht so weit von England entfernt.
Der ursprüngliche Charme wurde zwar durch zehnstöckige Hochhäuser am Strand nicht gerade aufgewertet (die belgische Küste lässt grüßen), aber der Ort ist nach wie vor bei betuchten Menschen beliebt. Und so bekommt man ab der zweiten Reihe viel gut gepflegte Belle Époque zu sehen. Herr Macron hat hier sicher nicht ohne Grund seine FeWo.
Als wir ankamen, regnete es. Aber so richtig.
Wir blieben erstmal im Auto und warteten das Schauspiel ab. Bald danach dann blauer Himmel.
Strand
Im Ort kam ich kaum dazu Fotos zu machen. Das hatte einen guten Grund. Die Dichte an Patisserien und Chocolatiers ist hier beeindruckend. Also hatte ich sehr schnell eine Leine in der einen Hand und diverse exquisite Süßwaren in der anderen. Mangels dritter Hand fielen ab da die Fotos flach, man muss Prioritäten setzen.
PostDen Macrons ihre FeWoReihenhäuser in der Belle Époque
Das Foto von Macron seiner FeWo hat mir netterweise Daniela geliehen.
Eigentlich wollten wir uns noch mehr ansehen, aber der Regen kam wieder und trieb uns zurück in unsere Ferienwohnung.
Das Wetter hat gewechselt, jetzt gleicht es mit gelegentlichem Regen und einer steifen Brise wieder mehr dem, was ich im September an der Nordsee erwarte. Aber der blaue Himmel der letzten Tage war schon schön…
Als wir gestern ankamen, fiel uns als Erstes das Hunde-verboten-Schild am Strand auf. Es dauerte einen Moment, bis wir realisierten, dass trotzdem vielen Menschen mit ihren Hunden am Strand waren. Wir dann auch.
Heute waren wir von vornherein mutiger und gingen wie selbstverständlich an vier Gendarmen vorbei zum Strand. Es hatte niemand was auszusetzen. Aber da der Strand am Ort leer ist und nach ein paar Metern so aussieht…
Gestern wechselten wir den Standort und schauten uns auf dem Weg nach Camiers (genauer: Sainte-Cécile) noch das Cap Gris-Nez (also Kap graue Nase) an. Noch näher als hier kommt man trockenen Fußes nicht an England ran. Gerade mal 33 Kilometer bis dort drüben. Nach Osten Cap Blanc-Nez, wo wir vorgestern waren, im Westen Boulogne-sur-Mer und oben drauf Schafe, ein Leuchtturm und verbuddelte Bunker der Wehrmacht. Außerdem wird von hier der gesamte Schiffsverkehr durch den Ärmelkanal – immerhin 500 Schiffe pro Tag – überwacht.
Cap Blanc-NezLeuchtturmSchafe
Aber ansonsten ist es einfach eine ruhige, karge Hochebene, durch die erstaunlich viele Touristen wetzen. Und es gibt dort keine Mülleimer. Hat man die ganze Zeit einen gefüllten Kotbeutel in der Hand (Frida musste mal), dann fällt das schmerzhaft auf.
Fort Mahon in Ambleteuse
Weiter ging es durch Audresselles und Ambleteuse, die sich im Laufe der Zeit von Fischerorten zu Ferienorten des Pariser Mittelstands entwickelt haben. Jetzt im September schon ein bisschen verschlafen.
Angekommen in der neuen Unterkunft in Camiers zeigte uns Frida, was sie von so viel Sightseeing in kurzer Zeit hält.
2015 war Banksy in Calais. Am Poste de secours am Strand findet man seitdem das Girl with telescope: ein Mädchen, hinter dem ein Köfferchen steht und das mit einem Fernrohr nach England schaut.
Auf dem Fernrohr hockt ein Geier.
Der Kanal kann eine tödliche Grenze für Flüchtlinge sein. Das war vor zehn Jahren so und das ist auch noch heute so.
Für die meisten Menschen – über 10 Millionen pro Jahr – verläuft der Grenzübertritt glücklicherweise ohne Lebensgefahr. Entweder mit dem Zug durch ein Loch in der Erde oder mit einer Fähre. So richtig Fernweh wecken für mich aber nur die Schiffe.
Passagierhafen
Heute war für uns der letzte Tag in Calais, morgen geht es weiter
Nach der morgendlichen Runde durch Calais wollten wir uns heute das Cap Blanc-Nez (Kap weiße Nase) anschauen. Dort gibt es ebenso hohe weiße Kreidefelsen wie auf der anderen Seite des Ärmelkanals. Nur sind die viel weniger bekannt.
Auf dem Weg dorthin hielten wir aber erst einmal in Sangatte und Frida kam voll auf ihre Kosten: am Strand lang rennen und die eine oder andere Möwe ärgern.
Strand von SangatteFrida weit weg
Ein paar Kilometer weiter Klippen statt Strand. Die Aussicht von dort oben auf 132 Metern Höhe ist schon fantastisch: nach Osten Calais, nach Westen Cap Gris-Nez und in Richtung Norden die weißen Klippen von Dover.
Cap Blanc-NezDa hinten ist EnglandCap Gris-Nez in der Ferne
Man kann von hier oben aus bis zum Meer herunterlaufen oder man parkt um und läuft dann ein paar Schritte in der Ebene. Das erspart den anschließenden Wiederaufstieg. Haben wir dann auch so gemacht.
WestenNordenOsten
Angekommen auf Meeresniveau wird auch klar, warum die beiden Kaps nicht so bekannt sind: Die Klippen gegenüber in England werden den ganzen Tag von der Sonne angestrahlt und leuchten entsprechend weiß über das Meer. Und auf dieser Seite: Schatten. Genauso imposant weiße Klippen, aber halt nicht im Rampenlicht.
Ein Mitglied unserer kleinen Reisegruppe wachte heute früh auf und wollte sehen, wie die Stadt erwacht. Ein anderes Mitglied wollte nicht und versteckte sich unter dem Bett, wurde aber überstimmt und musste mit.
DurchgangshausLeuchtturmYvonne und Charles
In Calais führen Wege gerne unter Häusern durch und so schlenderten wir durch leere Straßen und unter erwachenden Häusern hindurch, statten dem Leuchtturm einen Besuch ab und wurden von Yvonne und Charles begrüßt.
Dann noch ein Abstecher in die Lieblingsboulangerie und jetzt Frühstück.
Ein ganz besonders Mitglied unserer kleinen Reisegruppe hatte heute Geburtstag (Tipp: Frida und ich haben im Mai Geburtstag) und so begann der Tag mit prickelnden Getränken, einem schokolastigen Gruß aus der Boulangerie und Geschenken.
Damit es danach nicht langweilig wurde, machten wir uns auf zur Mairie. Dabei kamen wir am Wochenmarkt und schönen Graffiti vorbei.
Schon aus der Ferne hörten wir eine feine Melodie vom Belfried der Marie erklingen. Und dort angekommen litten die sechs Statuen der Bürger von Calais, die den Engländern die Kapitulation der Stadt überbringen mussten, um die Wette. Dass sie Rodin nicht als aufrechte Helden, sondern leidende Menschen darstellte, fanden damals viele nicht so toll. Das dürfte heutzutage immer noch so sein. Ich finde, dass da Rodin was sehr richtig gemacht hat. Auch, dass das Denkmal nicht auf einen hohen Sockel gestellt wurde, sondern man ihm auf Augenhöhe begegnen kann. Es ging ihm um Menschen, nicht um glorifizierte Helden.
Die Bürger von CalaisDie Spinne von CalaisMarie, Belfried und Feengarten
Zwischen den Bürgern und der Mairie war ein temporärer Feengarten aufgebaut. Alice im Wunderland traf dort den Herrn der Ringe zwischen vielen Blumen. Hatte viel Poesie mit einem leichten Hang zum Kitsch.
Es folgte eine erschöpfte Pause.
Wir mussten uns ja fit sein, um uns dem Drachen von Calais zu stellen. Ein großartiges Spektakel. Dieses Wunder aus Hydraulik und Fantasie sprüht Wassernebel und spukt Feuer auf seinem Gang über die Strandpromenade.
Frida war von dem Ungetüm, das von mehreren Menschen sehr lebensecht durch die Zuschauer gesteuert wird, nicht so angetan. In Sicherheit bei uns auf dem Arm ging es, aber sonst hätte sie am liebsten Reißaus genommen. Was ja auch gar nicht so doof ist, wenn man davon überzeugt ist, dass dieses wasserspeiende Riesendings lebt.
Der Geburtstag endet jetzt bei angenehmen Temperaturen im Garten in der Rue du Paradis.
Wir bleiben an unserem ersten Tag in Calais im Erholungsmodus. Also nicht viel mehr zu tun, als in der Rue du Paradis abzuhängen und als Highlight des Tages einen Ausflug zum Blériot Plage zu unternehmen, sich dort in die Dünen zu legen und sonst nichts zu tun.
Blériot Plage
Der Strand ist riesig und ziemlich leer. Vermutlich sah er 1909 so ähnlich aus, als Monsieur Blériot von hier aus als erster Mensch den Ärmelkanal in einem Fluggerät überquerte. Heutzutage bietet sich ungefähr alle 15 Minuten von dem Strand aus ein Anblick wie dieser:
Fähren, die nach England fahren oder gerade von dort kommen, häufiger, als die S-Bahn von Dortmund nach Bochum fährt. Im Hintergrund – bei so klarem Wetter wie heute wunderbar zu sehen- die weißen Klippen von Dover.
Eigentlich hätten wir Frida gar nicht an diesen Strand mitnehmen dürfen, aber wir übten uns in gallischer Renitenz und taten es trotzdem. Wie jede Menge Franzosen, die uns am Strand mit ihren Hunden begegneten.
Zum Abschluss noch meditativ sich im Wind wiegender Strandbewuchs.
Die letzten Wochen empfanden wir beide als recht anstrengend … jetzt sind wir am Meer und der Wind weht den Alltag weg.
Wir sind in Calais und haben ein paar Tage, um die Stadt und ihre Umgebung zu entdecken. Für heute reichte uns ein Spaziergang zum Strand und um die Ecke zur Boulangerie.
Frida gucktAm Ende ein LeuchttürmchenStrandNoch viel mehr StrandDanielaTour du Guet
Wir hören die Möwen kreischen und wohnen in der Rue du Paradis.